20.12.2010Lesehest-Kolumne
München schweigt
Die letzten alten Blätter wehen mit dem frischen Schneestaub herab und lassen den schneebeladenen Asphalt wie ein asymmetrisches Tarnmuster erscheinen. Mein Fahrrad parke ich an diesen Tagen im Keller, an Radln ist bei dieser Witterung sowieso nicht zu denken, und tue etwas, in meinem Leben fast in Vergessenheit Geratenes: Ich gehe zu Fuß! Überall hin. Langsam und bedächtig. Der Straßenverkehr läuft neben mir ab, aber ich bin nicht mehr Teil von ihm, sondern ausgestiegen aus dem nervigen Ampelsystem, dem gestressten Gehupe und aggressiven Gebremse. Ich konzentriere mich nur auf mich selbst und meine knirschenden Schritte im Schnee. Zeit zum Nachdenken, macht mich ausgeglichen und zufrieden. Mein morgendlicher Weg in den Verlag bekommt neue Gestalt: Vor der Haustür grüße ich den Mann am Kiosk gegenüber (als Fußgänger habe ich jetzt Zeit für so etwas!), in der Albrechtstraße winke ich meiner Stammfriseurin durch die große Ladenvitrine, an der Schule in der Lazarettstraße nehme ich das fröhliche Kinderlachen wahr, und in der Blutenburgstraße verliere ich mich im Geruch von frischem Backwerk. Mein Magen grummelt und ich kann es sogar hören!
In der Pilgersheimer wache ich auf aus meinem Traum aus Weiß. Ich stehe an der roten Ampel und die laute Arnulfstraße, die hier meinen Weg kreuzt, beendet abrupt den friedvollen Pilgergang. Eine nicht enden wollende Blechlawine rauscht an mir vorbei, quietschende Reifen betäuben meine Ohren und der Gestank von Abgasen dominiert alle anderen Düfte in meiner Nase. Der Alltag hat mich eingeholt. Wie schade. Hier, wo der weiße Schnee seine Unschuld wieder verloren und sich in trostlosen, grauen Matsch verwandelt hat, ist das rege Treiben schon zurückgekehrt ...
Lesehest

