21.08.2010Lesehest-Kolumne

Das Kuckucksei

Es gibt sie noch: Nach kurzer Schreibpause endlich wieder eine neue Kolumne von Lesehest. Diesmal geht es um den Blick Branchenfremder und die eigene Sicht auf die Verlagsbranche.

Am Wochenende habe ich an einem Seminar von und für Frauen in der Gesundheitsbranche teilgenommen. Ich dachte mir, als Redakteurin für Gesundheit kann es nicht schaden, dort auf die Suche nach potentiellen zukünftigen Autorinnen zu gehen, neue Kontakte zu knüpfen, mehr über aktuelle Trends im Bereich Gesundheit zu erfahren und einfach ein bisschen zu netzwerken. Das erste Mal seit langem habe ich keine einzige Kollegin aus der Verlagsbranche getroffen, sondern vorwiegend selbstständige Oecotrophologinnen, Food-Expertinnen und Coaches. Gerade Letztere gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Mich wundert das jetzt gar nicht mehr, denn wie ich lernen durfte, ist die Bezeichnung „Coach“ kein geschützter Begriff. Ich selbst war jedenfalls das Kuckucksei in deren Nest und habe aus dieser Position heraus einmal mehr festgestellt, wie wenig Menschen aus anderen Berufen über die Arbeit in einem Verlag wissen. Obgleich die meisten neugierig sind, im ersten Moment recht beeindruckt wirken und die eigene Arbeit im Elfenbeinturm durchaus Respekt erntet, einen ausschließlich guten Ruf scheint die Verlagsbranche generell trotzdem nicht zu haben.

Beim gegenseitigen Beschnuppern wurden mir am häufigsten Fragen gestellt wie:

- „Ist das nicht sehr schwer, da reinzukommen?“

- „Ich habe gehört, da verdient man so schlecht, stimmt das?“

- „Oh Gott, was macht man da den ganzen Tag: Nur lesen, lesen, lesen?“

Natürlich habe ich hier gerne ein wenig Aufklärung betrieben und mit dem Mythos der fleißigen Lesebiene in der Buchwabe aufgeräumt. Die beiden ersten Fragen habe ich dabei ausgeklammert und mich besonders auf die dritte Frage konzentriert.

Klar: Hornbrille auf, ein Buch oder Manuskript nach dem anderen verschlingen, über dessen Inhalte und sprachliche Qualitäten philosophieren (oder zur Abwechslung gerne auch mal diskutieren) und dazu natürlich pausenlos Kaffeetrinken - so hatte ich mir diese Branche zu Studentenzeiten auch vorgestellt! Wie bei so vielen Dingen im Leben sieht die Realität aber auch hier etwas anders aus. Zum aufmerksamen Lesen und Beurteilen eines Manuskriptes nehmen sich häufig externe Gutachter die Zeit, bei den Kollegen in der Belletristik kommt das Material an sich von so genannten Scouts und anstelle kompletter Ratgeber erhalten wir ausführliche Exposés. Zumindest mein Büroalltag entspricht nicht dem einer reinen „Leseratte“, sondern in erster Linie bin ich Projektmanagerin, die alle Fäden in den Händen hält und delegiert. Ich überlege mir Themen, suche geeignete Autoren, verhandele deren Honorare, kommuniziere mit den Kollegen aus den anderen Abteilungen, sitze in Meetings, kontaktiere Agenturen und Grafiker. Und wenn die Fäden sich mal verheddern, löse ich den Knoten. Falls dieser gar Feuer fängt (was nicht so selten passiert), versuche ich den Brand zu löschen. Das ist meistens ziemlich aufregend, manchmal auch nervenaufreibend, aber vor allem eines: unglaublich spannend und vielfältig!

So haben mir die Gespräche mit den Damen aus der Gesundheitsbranche erneut eines klar gemacht: dass ich an meinem Beruf besonders seine Vielseitigkeit schätze. Und da ich auf die ebenfalls beliebte Frage Branchenfremder „Und was lesen Sie gerne in Ihrer Freizeit?“ unzählige Antworten gefunden habe, ist mir klar, dass ich mit meiner Berufswahl im richtigen Nest sitze.

 

Lesehest

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Lesehest, Kolumne

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