11.11.2009Florian Lamp (Der Großkonzern) im Gespräch
Warum Wut manchmal lebensnotwendig ist und sowieso als Antrieb für Neues ganz ausgezeichnet
Wieviel Verdruss war nötig, dass man so irre ist, einen eigenen Verlag zu gründen?
Verdruss und schlechte Stimmung sind die falschen Worte. Es war eher Wut darüber, wie bei einem vermeintlichen Großkonzern, der meinen Ausbildungsverlag gekauft hatte, mit Büchern umgegangen wurde. "Wut tut gut!", das habe ich schon irgendwann in den späten 80er Jahren bei den Ortsmeisterschaften der DLRG gelernt, als ich nach einem Fehlstart schon aus dem Becken kletterte, mir aber gesagt wurde "War doch keiner, schwimm weiter" und ich Bestzeit auf 50 Meter Kraul schwamm. Mit Wut im Bauch wird alles besser.
Was konkret hat deine Wut genährt?
Dem Verantwortlichen für meinen alten Verlag war egal, was veröffentlicht wurde, er war nicht richtig mit dem Herzen dabei, wollte nichts richtig Gutes und Schönes machen. Zudem wurden mir mündlich Verträge versprochen, die man dann schriftlich nicht einhalten wollte bzw. erst nach meinem Protest beim nächst höheren Vorgesetzten einhielt. Na und dann hab ich mir in meinem Größenwahn gedacht: Denen zeige ich es jetzt.
Und, was ist dabei rausgekommen?
Dabei ist mein eigener, bescheiden „GROSSKONZERN“ benannter Verlag rausgekommen. Jetzt im Oktober erscheint unsere Erstveröffentlichung "Deutsch für den Ausländer" und wirft hoffentlich ordentliche Gewinne ab. Und irgendwann dann in ferner Zukunft gehört mir dieser Glas-Stahl-Stahlbeton-Bau an der Elbe. Nein. Im Ernst: Mit "Deutsch für den Ausländer", einer Englisch-Deutschen Lehrbuch-Parodie, einem Zwischending zwischen "Molwanien - Land des schadhaften Lächelns" und "Bastian Sick", nur in wirklich "sick", haben mein Grafiker und ich wirklich ein Buch gemacht, wie es das vorher noch nicht gegeben hat.
Pah, nie gegeben. Das behauptet ja jeder Verleger von seinen Büchern. Ich sehe schon, Du hast die Sprachregelungen eines Konzernverlags bereits sehr gut adaptiert. Nun gut, was unterscheidet denn Euer Deutschlehrbuch von anderen hervorragenden Werken wie "Deutsch in einer Nacht", "Deutsch im Schlaf und ohne aufzuwachen", "Deutsch für Dummies"?
Unser Lehrbuch zeigt - im Gegensatz zu 99,9 % der bisher existierenden Lehrbücher - keine langweilige Familie, die durchs Buch führt, sondern eine aufregende typisch deutsche Familie. Und zu dieser Familie Schmidt gehört nur einmal, dass sie mit dem Arbeitsamt Ärger hat, der Sohn gerne Gangstarapper wäre, obwohl er heimlich homosexuell ist, die Mutter der Tochter ein Superstar-Casting auszutreiben versucht. Dazu gibt es nur in "Deutsch für den Ausländer" exklusiv die Wahrheit über "Deutschen Humor", "Deutsche Erfindungen wie das Rad, den Weltkrieg und den Käse" sowie "Deutsches Brauchtum", alles garniert mit Bildern aus Deutschland, die nicht Mut machen, sondern irgendetwas anderes. Was genau, das soll uns der Leser dann sagen.
Welches Bild von Deutschland bzw. der prototypisch deutschen Familie wollt ihr denn einem ausländischen Sprachschüler vermitteln?
Schwierige Frage. Was der Ausländer lernen soll, ist eigentlich, dass eine Familie viel spannender und aufregender und ausgefallener sein kann als man denkt, wenn man herkömmliche Lehrbücher liest. In der Schule wurde ich immer mit schrecklich langweiligen Familien wie den "Masons" aus London terrorisiert. Der Vater war Doppeldeckerbusfahrer, die Mutter trank um Punkt 5 Tee und die Kinder hörten tagein, tagaus Beatles-Platten. Am Wochenende dann gab es Ausflüge zum Piccadilly Circus oder zum Buckingham Palace. Reiner Unsinn! Unsere Schmidts zeigen das wahre Leben. Der kleine Mann und die kleine Frau und ihre kleine Familie von der Straße sozusagen. Und in genau dieser Familie sollen sich auch die deutschsprachigen Leser wieder erkennen.
Was genau hat Dich zu diesem Buchprojekt / Thema geführt? Doch nicht nur eigene Drangsalierungen in der Schulzeit? Warst du gar selbst mal Täter?
Na gut, ich gebe es zu. Ich habe auch mal ein Semester lang in den USA, an der Penn State University, Deutsch unterrichtet. Das Lehrbuch da war echt mies. So wurde zum Beispiel der eklige Anschlag auf ein Asylbewerberheim in Mölln grafisch mit drei feixenden Skinheads vor einem brennenden Haus dargestellt. Deshalb habe ich im Unterricht viel improvisiert, zum Beispiel einen Test zu den Personalpronomen mit Hilfe des Songs "Ich will" der Band Rammstein geschrieben. Bei der letzten Klausur wurde allerdings dann der Text zur Verständnisübung, den ich geschrieben hatte, ein Märchen über Pamela Anderson, giftige Frösche und mich, vom Supervisor aus der Prüfung genommen. Angeblich hätte er "religiöse Gefühle" verletzen können. Und das alles, weil ich am Ende nach meinem Tod wiederauferstanden bin.
Darf ich nochmal auf die Wut im Bauch zurückkommen?
Gerne. Wie gesagt: Wut tut gut.
Mangelt es an Wut im Bauch in der Verlagsbranche?
Ich will mal nicht pauschalisieren. Ja. Es gibt zu wenig Wut, zu wenig Neues, die Buchmesse ist größtenteils eine Schlafwagenveranstaltung, die "Jungen Wilden" haben immerhin einen schönen Namen, es gibt keine gezielten Skandale mehr wie es früher mal der Fall war und statt etwas Überraschendes zu verlegen, wird lieber nach Schema F gehandelt. Ein Glück, dass es wenigstens ab und zu so tolle Leute und Autoren wie Clemens Meyer gibt. Den würde ich auch sofort verlegen, aber erst einmal muss ich ein bisschen Kapital aus dem ersten Buch schlagen. J
Ja, da hast du Recht, Clemens Meyer hat vor allem den Mut, mal aufn Putz zu hauen und ein wenig Randale zu machen. Dürfen wir auch von Dir auf lautstarkem Krawall hoffen?
Och, mal sehen. Eigentlich bin ich ja ein friedliebender Mensch. Und Krawall um des Krawalls wegen, finde ich auch eher doof. Wenn Krawall, dann nur Krawall mit tieferem Sinn.
Sehr fein. Dann bleibt mir nur Dir drei gute Wünsche mit auf den Weg zu geben:Ne Menge Geld mit dem Buch, noch mehr Wut und viele Groupies, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind.
Danke! Die Groupies kriegen dann die Praktikanten und schlecht bezahlten Volontäre ab.
Bestellt das Buch hier: www.der-grosskonzern.de
Interview: Tine Mikliss

