24.05.2009
Firmin. Ein Rattenleben.
Firmin wird im Keller des Bostoner Buchladens „Pembroke Books“ geboren. Da seine 12 Geschwister den Kampf um die nahrungsbringenden Zitzen seiner Mutter immer gewinnen, beginnt er aus Verzweiflung, Papier zu essen. Bald merkt er, dass er zwar das Papier nicht verträgt, dass er aber die Geschichten, Worte und Buchstaben auf dem Papier verstehen kann - er kann lesen. Und er liest - alle Bücher im Keller, dann, nachts und unbemerkt, alle Bücher in der Buchhandlung darüber.
Firmin identifiziert sich mit den menschlichen Charakteren der großen Weltliteratur und träumt davon, selbst ein Mensch zu sein. Er erzählt seine Geschichte, vor allem zu Anfang, so theatralisch und ausschmückend, als wolle er James Joyce, Charles Dickens und co. nacheifern. Schließlich versteht er sich selbst auch als Schriftsteller. Von seinem Beobachtungsposten in der Zwischendecke über dem Buchladen verfolgt er das tägliche Treiben und erlebt seinen Alltag gemeinsam mit dem Buchhändler Norman Shine, den er gottgleich anhimmelt. Er fühlt sich als Mensch, meint die Menschen zu verstehen - und bleibt doch eine Ratte, die sich mit den Menschen nicht wirklich verständigen kann und unverstanden bleibt.
Es ist eine traurige Geschichte aus dem Boston der 1960er Jahre, aus einem Stadtteil, den die Stadtverwaltung vernachlässigt und schließlich abreißt. Es ist die Geschichte von Menschen, wie Firmin sie sieht, mit seiner Weltsicht, die durch erzählte Geschichten geprägt ist. Und es ist die Geschichte der Freundschaft zwischen Firmin und dem Autor Jerry, der als einziger Mensch Firmin annähernd zu verstehen scheint und ihm ein bisschen Glaube in die Menschheit zurück gibt.
Mit viel Humor und wunderbarem Einführungsvermögen erzählt Sam Savage diese Geschichte. Eine Geschichte für alle, die Bücher und Geschichten lieben.
Sam Savage: Firmin. Ein Rattenleben. 216 S. Ullstein, 2008
Anna Herb

