07.04.2009
Kürzere Tage
Ich suchte ein Buch für die Zugfahrt von Leipzig nach München, etwas das die Zeit vertreibt und mich die anstrengenden Tage der Messe vergessen macht. Dass der Schauplatz des Romans meine alte Heimatregion Stuttgart war, war in diesem Fall nur Zucker obendrauf. Von der ersten Seite an sogen mich die an der scheinheilen Oberfläche brodelnden Emotionen in die Geschichte. Wut, Hass, Hilflosigkeit und ein so starkes Verlangen nach Liebe breiteten sich in diesem Mikrokosmos Constantinstraße vor mir aus, dass ich meine Mitreisenden ganz vergaß. Denn es wurde nicht besser, sondern nur schlimmer.
Anna Katharina Hahn erinnert an Dieter Wellershofs „Liebeswunsch“, ebenso wie er seziert sie Gefühle, dringt tief unter die Oberfläche vor. Dabei spannt sie die Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven, lässt die Bewohner der Constantinstraße zu Wort kommen:
Judith, die mustergültige Übermutter, ist verheiratet mit Klaus und hat zwei Söhne, wohlerzogen und sauber. Mehrmals täglich holt sie jedoch der „Hackstraßenmist“ ein – ihre selbstzerstörerische Vergangenheit aus der Hackstraße: ihr Tabletten- und Zigarettenkonsum, ihre Bewegungsunfähigkeit und ihre sexuelle Obsession Sören gegenüber. Die schlechten Gewohnheiten hat sie nur scheinbar mit dem Umzug in die bürgerliche Constantinstraße überwunden.
Leonie, die erfolgreiche Businessfrau, hetzt zwischen 7-Zimmerwohnung, Büro und Kinderbauernhof hin und her. Ihr Ehemann Stefan, den sie immer wollte, weil er nach mehr strebte, glänzt vor allem durch Abwesenheit und arbeitet nächtelang an seiner Karriere. Leonie ist einsam, sie hätte gerne Judiths ideale Familie, einen Mann, der nachmittags nach Hause kommt und saubere Mädchen, die nicht eigensinnig, laut und mit Schokolade verschmiert sind. Doch Judith erträgt Leonies Gesellschaft nicht, vermeidet die Konfrontation ihrer eigenen Schwäche mit der vermeintlichen Stärke der anderen. Jeden Tag geben sich die beiden Frauen dem Schauspiel „glückliche heilige Familie“ hin, bis der halbstarke Marco aus dem Sozialblock um die Ecke das Idyll durch eine gewaltsame Tat zerstört.
Alles schon gehabt, klischeehaft simpel mag man da denken. Doch der Fokus liegt nicht auf dem Plot, er liegt auf den Figuren und deren Emotionalität. Und er setzt da an, wo es wehtut, wo alles Oberflächliche verschwindet und die Wirklichkeit hinter dem Schein hervortritt. „Kürzere Tage“ zeigt grandios einen beliebigen Moment in einer beliebigen Straße in Deutschland, in dem die scheinheile bürgerliche Sicherheit mit kaum hörbarem Knall durch Marcos Pistole implodiert, das Idyll zerrissen und einen Moment später wieder zurecht gerückt wird, so als wäre nichts geschehen. So als hätte man nichts gesehen hinter den schweren Vorhängen im warmen Wohnzimmer der Bürgerlichkeit.
Anna Katharina Hahn, Kürzere Tage, Suhrkamp 2009
Claudia Feldtenzer

